Zurück an's Kabel

Man glaubt es ja kaum, bei all dem drahtlosen Verbinden und Übertragen, dass unser Leben durchaus des öfteren komfortabel gestaltet: Wenn irgend möglich verbinde ich die Kamera bei Aufnahmen mit dem Laptop. Nix WiFi. Nix Speicherkarte. Direkt auf die Festplatte. "You see what you get." Nicht nur ich, sondern alle, die an den Aufnahmen beteiligt sind. Kein lunsen auf kleine Kameradisplays, auf denen alles irgendwie gut und scharf aussieht. Und vergleichen, markieren, verschlagworten kann man auch gleich. Und damit bin ich nicht der Einzige; das gehört meist zum guten Ton bei professionellen Aufnahmen, drinnen wie draußen.

Photoshooting mit Symphonieorchester

Photoshooting mit Symphonieorchester

Ach ja, wer genau hinschaut, erkennt zwischen den unvermeintlichen Rollen von Gaffa-Tape einen grauen Belichtungsmesser, obwohl inzwischen selbst jede Handykamera über diverse Belichtungsautomatiken verfügt. Wenn die Blitzanlage angeht, wird bei mir mit der Hand und manuell gemessen und fotografiert. Wie vor 50 Jahren. Weil es am genausten ist.

Es gibt übrigens auch Kollegen, die, mit entsprechenden Optiken, bewusst wieder mit der Hand fokussieren, trotz 51+ Fokussensoren. Ich gehöre nicht dazu. Aber bei und trotz allem Fortschritt ist es doch das Ideale, Modernes mit old school Technik zu verbinden. Im Falle des Kabel sogar im wahrsten Sinne...

Amsterdamer Reflexionen

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich in dieser Stadt war. Unzählige Male die Grachten mit dem Rad entlang gefahren, selten zu Fuß, nie mit einer Kamera. Vielleicht entwickeln Dinge, die mir über die Jahre so vertraut geworden sind, keinen Aufforderungscharakter mehr, der mich mit durch den Sucher blicken lässt? Ein Kaffee mit Appeltaart hier, ein lekker Biertje dort, während ein Kaleidoskop von Menschen vorüber zieht - das funktioniert erstaunlich gut auch ohne den Griff zur Kamera.

Nun aber doch mal mit Equipment losgezogen. Zusammen mit einem Amsterdamer Freund, der die Stadt natürlich wesentlich besser kennt. Und siehe da: Es macht Spaß, anzuhalten und den bekannten Szenarien die Extraportion Aufmerksamkeit zu schenken, die eine Aufnahme erfordert. Und das Biertje schmeckt dazwischen ja genauso gut...

Später Nachmittag, aus der Hand....

Später Nachmittag, aus der Hand....

... Und früher Abend vom Stativ

... Und früher Abend vom Stativ

Selfies sind keine neue Erfindung...

... denn bereits um 1900, als die ersten Kameras halbwegs transportabel wurden, stellten sich Photographen vor die eigene Linse. Die war deutlich mehr als 50cm von der Nase entfernt, verzerrte nicht bis ins Groteske und gegrinst wurde keinesfalls, denn es war ein seriöses und privilegiertes Unterfangen, dass gut vorbereitet und geplant werden musste. Ohne Stativ und drahtgebundenen Selbstauslöser ging nichts.

Zu Beginn waren oft Landschaften der Hintergrund - eine "Ich-war-da-Haltung", die sich durch die Geschichte der Selbstportraits zieht und auch als Beleg mit Beweiskraft fungierte. War Reinhold Messner tatsächlich auf dem Mount Everest? Sein Selfie auf dem höchsten Punkt der Erde lässt keine Zweifel aufkommen. Aber auch als Kunstform gewannen Selbstportraits an Bedeutung. Was den vielen Malern recht und billig war, gelang Photographen mit der neuen Technik geradezu mühelos. Man inzenierte sich selbst in der Weise, wie man sich selbst gerne sieht oder gesehen werden möchte. 

Gelegentlich teste ich neue Lichtsetups an mir selbst. Probieren, Optimieren, Beischleifen. Lektion gelernt, Blitzlicher und Hintergrund weggeräumt, Bilder vom Rechner gelöscht. Diesmal dachte ich mir, ziehe ich's bis zum fertigen Photo durch - mit der Herangehensweise der Altvorderen: Kein unmotiviertes Lächeln, sondern Wahrung einer räumlichen und emotionalen Distanz mit einer gewissen Ernsthaftigkeit in der Haltung.

Frank_Stefan_Kimmel_Selfie